Die Kunst des Schleifens

  • Liebe Forumsgemeinde



    Jedes erfahrene Mitglied hier hat seine persönliche „Kunst des Schleifens“ durch jahrelange Schnitztätigkeiten mit Vergleichen und Versuchen gefunden und ist dadurch NUR von seiner Art des Schleifens restlos überzeugt.
    Problem für den Anfänger ist, dass wir Menschen einfach zu unterschiedliche Individuen sind und JEDE Person andere Vorlieben und Standpunkte hat, weshalb eben auch sehr viele unterschiedliche „Meinungen“ entstehen.


    Der eine schleift nur händisch… der andere nur naß …. wieder andere nur trocken … jeder erläutert die Nachteile des jeweils anderen Systems .. und jeder findet eben Gründe, wieso die von Ihm nicht verwendete Schärfart auch NICHT an andere Schnitzer zu empfehlen wäre.


    Grundsätzlich sage ich dem Anfänger:
    Nur weil jemand langjährige Erfahrung hat, heißt das nicht das seine „Kunst des Schleifens“ der einzige “Goldene Weg“ ist.
    Natürlich ist seine Sichtweise dann auch nicht falsch… aber genau hier liegt das Problem!



    Der „Goldene Weg“ zur „Kunst des Schleifens“ führt über folgende Entscheidungen:


    Was ist mir beim Schleifen meiner Werkzeuge wichtig?
    • Kosten,
    • Materialverschleiß,
    • Hitzeentwicklung,
    • Schnelligkeit,
    • und ganz wichtig die Handhabung?


    … ganz klar… natürlich alles Gemeinsam…… aber eine „eierlegene Wollmilchsau“ gibt es leider nicht und schon geht’s los mit der Misere und man beginnt die angebotenen Möglichkeiten anzuschauen (und seit mir bitte nicht böse wenn ich nachfolgend nur die drei unter Schnitzern bekanntesten Arten erwähne und nicht jedes noch so toll angepriesene Spezialgerät mit noch so vielen Patentierungen)… und bitte beachtet auch.. ich vergleiche jetzt explizit nicht extra alle Vor- und Nachteile sondern nur die oben genannten 5 Entscheidungspunkte:


    händisches Schleifen (also mit Formsteinen, „Brocken“ und Lederriemen):
    + definitiv das günstigste Schleifsystem in Anschaffung und Betrieb.
    + definitiv der materialschonenste Abtrag
    + definitiv die geringste Hitzeentwicklung
    - aber auch definitiv die zeitaufwendigste Methode
    - aber, und das behaupte ich, auch die schwerste Methode für Anfänger zu erlernen, denn:
    Aufgrund meiner Erfahrung (bei mir Persönlich und mit meinen Kunden) zweifle ich es absolut an, dass das Schärfen auf einem belgischen Brocken (nur als Beispiel) einfacher zu erlernen ist, als das Schärfen mit Maschinen.
    Bei der händischen Methode muss ich meine Handbewegung so exakt koordinieren, dass 1. der Druck zum erfolgreichen Abtragen passt, 2. zugleich der Winkel der Phase möglichst geradlinig eingehalten wird und 3. ebenfalls zugleich also gleichzeitig eine zusätzliche Bewegung für z.B. Hohleisen (wegen der Rundungen) gemacht werden muss.
    Bei der maschinellen Methode hingegen konzentriere ich mich nur 1. auf die angepasste Druckausübung und 2. bei Hohleisen auf die Rundungen. Dabei sind die Hände nie in Bewegung sondern sind in !!Ruhe!!. Man benötigt wenig bis keinen Druck (denn es schleift ja der angetriebene Stein) und man hat dadurch auch mehr Gefühl und Konzentration für die Eisenform (also die Rundungen).


    Keine Frage: Egal ob händisch oder maschinell… bei beiden Methoden MUSS das Gefühl erlernt werden.. aber beim maschinellen Schärfen habe ich es Definitiv einfacher!


    Naßschleifmaschinen (also im Wasserbad laufender Sandstein mit Lederscheibe zum Abziehen):
    - definitiv das teuerste Schleifsystem in der Anschaffung (bei vernünftigen Markenprodukten).
    + materialschonender Abtrag durch feine Schleifstein-Körnungen
    + durch langsames drehen und zusätzlicher Wasserkühlung kaum bis sehr geringe Hitzeentwicklung
    - wegen der feinen Körnung und dem langsamen drehen trotzdem eine zeitaufwendige Methode
    -/+ ich bezeichne dieses Schärfen als „idiotensicher“ denn
    selbst mit zuviel Druck geht nicht viel kaputt - und durch sehr teure (deshalb das „–„ ) Spannvorrichtungen könne auch gekröpfte Hohleisen perfektioniert nachgeschärft werden (wenngleich man durch das Einspannen und Einstellen der Stangen noch mehr Zeit „verspielt“)
    … nur mal so am Rande: ein Bekannter Werkzeughersteller hat den Slogan: Work! Don´t play! (also Arbeiten! und nicht spielen) 8)


    Trockenschleifen (also mit Doppelschleifern die auch eine Abziehmöglichkeit enthalten):
    + das günstigste maschinelle Schleifsystem.
    - nicht unbedingt ein materialschonender Abtrag (ist aber von der Scheibenbestückung abhängig)
    - wegen hoher Drehzahlen definitiv die größte Hitzeentwicklung
    + aber genau deswegen auch definitiv die schnellste Methode
    + mit passendem Zubehör können alle Spannvorrichtungen der Naßschleifstysteme verwendet werden.
    Bei der Scheibenbestückung gibt es hier KEINE Einschränkung (egal ob Leder-, Filz-, Gummi-, Schwabbel-, Korund-, CBN-, Keramik- oder Elastikscheiben). Bei einem Doppelschleifer kann man alle Scheibenarten und Zubehörteile herstellerunabhängig montieren…. sozusagen ist das also ein „offenes System“.



    Meine Empfehlung zu den verschiedenen Standpunkten:


    KOSTEN
    Ganz klar --> die händische Methode
    gefolgt vom --> Doppelschleifer


    MATERIALVERSCHLEIß
    Ganz klar --> die händische Methode
    gefolgt vom --> Naßschleifer


    HITZENTWICKLUNG
    Ganz klar --> die händische Methode
    gefolgt vom --> Naßschleifer


    SCHNELLIGKEIT
    Ganz klar --> der Doppelschleifer
    gefolgt vom --> Naßschleifer (wenn auch mit Abstand)


    HANDHABUNG
    Ganz klar --> der Naßschleifer
    gefolgt vom --> Doppelschleifer



    Weitere Empfehlungen aus anderer Sichtweise, die sich immer wieder im Kundengespräch stellen:


    Schmutzentwicklung:
    Ganz klar --> die händische Methode!
    Wer in einer Wohnung schnitzt, also keinen Keller oder Arbeitsraum/Werkstatt zur Verfügung hat - indem es eben auch mal schmutzig werden darf- sollte von maschinellen Methoden generell Abstand nehmen.
    Der Doppelschleifer ist eine richtige “Dreckschleuder“ und die Naßschleifmaschine mehr ein „Mittelding“.


    Energie/Lärm:
    Ganz klar --> die händische Methode!
    Besonders für Individualisten denen Tradition, Ruhe und Entspannung nicht nur beim Schnitzen, sondern auch beim Schärfen wichtig sind… und den hohen Zeitaufwand dafür gerne in Kauf nehmen.


    Verletzungsgefahr:
    Ganz klar --> die händische Methode!
    Alles was sich schnell dreht erzeugt auch Reibung. Hautabschürfungen bei Unachtsamkeit passieren da schonmal. Speziell beim Trockenschleifen entsteht zudem noch ein Funkenflug beim Stahlabtrag. Schutzbrille ist da IMMER nötig!!


    Kombinationsmöglichkeit / Flexibilität:
    Ganz klar --> der Doppelschleifer!
    Da man hier, wie oben schon ausführlich geschrieben, keine Beschränkung in der Scheibenart hat. Auch ist man nicht an einen Hersteller oder Marke gebunden. Lediglich die Maschine selbst beschränkt einem in den montierbaren Maßen.


    Wartung / Pflege:
    Ganz Klar --> der Doppelschleifer!
    - Die Korundscheiben der Doppelschleifer müssen regelmäßig "abgerichtet" werden um entstandene Riefen/Rillen und vor allem die Verschmutzungen zu beseitigen. Mithilfe von sog. Rutschersteinen ist das für jeden Laien innerhalb weniger Minuten erledigt.
    - Formsteine/Brocken bei der händischen Methode nutzen sich ebenfalls ungleichmäßig ab. Das erschwert auf Dauer das Nachschärfen da z.B. keine planen Flächen mehr vorhanden oder die Rundungen der Formsteine verschlissen sind. Hier bleibt dem Laien oft nur ein neuer Nachkauf =O
    - Bei Naßschleifmaschinen besteht das gleiche Problem, was aber ebenfalls mit Abrichtern schnell erledigt werden kann.
    Was viele aber nicht bedenken: Das Wasser, indem der Sandstein läuft, muss nach jeder Nutzung geleert werden. Der Sandstein darf sich dauerhaft nicht einseitig im Wasser befinden (saugt sich voll und wird Unwucht).
    Auch würde bei günstigeren Nasscheifsystemen Rost an den Scheibenaufnahmen/Wellen entstehen. Eine "Austrockung" des Steines ist daher enorm wichtig!
    Das Naßschleifsystem ist zu dieser Sichtweise daher mit großen Abstand das Aufwendigste. :/



    Empfehlung zu bestimmten Typen (Schubladendenken :sleeping: ):


    händisches Schärfen -> für Individualisten!
    Naßschleifen (insbesondere Tormek) -> für Perfektionisten!
    Trockenschleifen (Doppelschleifer) -> für Praktiker!



    Liebe Anfänger!
    Lest euch das oben noch ein paar Mal durch. Entscheidet euch erst für eure(n) Standpunkt(e) …und dann wählt das hierauf passende Schleifsystem … und dann ist Ruhe!
    Diskussionen darüber braucht Ihr dazu dann nämlich nicht mehr führen. ::) :P


    Und denkt daran:
    Es gibt keine schlechte Maschine, sondern nur mangelndes Können im Umgang damit.
    Mit JEDEM System schafft man eine perfekte Schneide - wenn man eben nur weiß wie!


    Erlaubt mir noch einen Tipp:
    Wem händisches Schleifen aufgrund der enormen Zeit missfällt, Trockenschleifen aber wegen der Hitzeentwicklung zu riskant erscheint, aber Naßschleifer euch nicht die passende Abziehmöglichkeit bieten .... so macht es doch mit einer Kombination aus zwei Maschine!
    1. Einen Naßschleifer zum schonenden, kühlen Schärfen (und Abziehen von geraden Schneiden)
    2. Einen Doppelschleifer für das Abziehen mit einer Schwabbelscheibe und darauf ergänzend eine andere beliebige Scheibe (z.B. ein grober Korund für Reparaturen oder eine Elastikscheibe für ein hochfeines Nachschleifen).



    Viele Grüße
    Spangler Thomas

  • Hallo Thomas, wer jetzt noch nicht weis was er will, der hat deinen sehr aufschlussreichen Beitrag nicht verstanden.
    Du hast dir sehr viel Mühe gegeben alle Möglichkeiten sehr verständlich erklärt .
    Ich kann nur sagen, der Beitrag ist spitze.
    Grüsse Charly I

    Arbeiten zu schaffen, die unser Leben überdauern und <br />anderen Menschen Freude bereiten - das macht meine Freude am Holzschnitzen und Bildermalen so groß !

  • Hallo,
    wirklich ein sehr guter Beitrag Thomas. Ich denke das hilft enorm beim Abwägen.


    Ich bevorzuge nach wie vor das Schleifen per Hand auf japanischen Wassersteinen.
    Allerdings ist es am Anfang eher sehr mühsam bis man akzeptable Ergebnisse erzielt - da zahlt man schon mal Lehrgeld.


    Liebe Grüße

  • Hallo, ich weiß, dass der letzte Beitrag schon etwas her ist, jedoch habe ich eine kurze Frage.


    Ich habe online gelesen, dass ein Schnitzmesser am besten in einem Winkel von 10-12º geschärft werden sollte. Es entsteht somit ein Gratwinkel von 20-25º. Den Grat sollte ich dann auf einen Ölstein abziehen.


    Außerdem habe ich gelesen, dass regelmäßiges Schärfen auch nicht notwendig ist. es reicht wenn ich das Messer mit einer Polierpaste und einem Abziehleder pflege.


    Die Frage, die sich mir jetzt stellt, ist das korrekt?


    Danke im Voraus für die Antworten!

  • Ich habe online gelesen, dass ein Schnitzmesser am besten in einem Winkel von 10-12º geschärft werden sollte. Es entsteht somit ein Gratwinkel von 20-25º. Den Grat sollte ich dann auf einen Ölstein abziehen.

    ICH kann dir hierzu leider nicht weiterhelfen.
    Ich habe meinen Winkel noch NIE nachgemessen (wofür auch.. das merkt man ja ob es passt oder nicht), noch mit einem Ölstein gearbeitet.
    Sicher findet sich jemand anders für die Antwort.


    Außerdem habe ich gelesen, dass regelmäßiges Schärfen auch nicht notwendig ist. es reicht wenn ich das Messer mit einer Polierpaste und einem Abziehleder pflege.

    Korrekt. Nachgeschärft wird erst wieder sobald nach dem Abziehen die gewünschte Schärfe nicht mehr erreicht wird.

  • Hallo Susie !

    Nimm`s nicht zu genau. Ja, für weiche Hölzer ca. 25 Grad und für härtere 35 Grad. Ich schleife frei Hand. Abziehen tue ich auf einer Schwabbelscheibe. Ordentlich Schleifpaste drauf und abziehen bis die Riefen weg sind. Dann mal kurz rumdrehen und der Grad ist weg. Ölstein nimmt heute kaum noch jemand, es sei denn, Du hast viel Zeit. Nach dem Abziehen machst Du gleich eine Schnitzprobe und Du wirst merken ob die gewünschte Schärfe da ist.

    LG.Rainer

    Nimm das Leben nicht zu ernst, es dauert ja nicht ewig !