Im Internet gibt es ziemlich viele Videos zum Löffelschnitzen. Nur wenige zeigen wirklich, wie man’s richtig macht. Viele hinterlassen stattdessen den Eindruck, das Löffelschnitzen sei ein Kinderspiel, denn dafür brauche man ja nur ein gerades und ein gebogenes Messer (ggf. auch noch ein Beil für den groben Zuschnitt). Damit könne man dann in den Wald gehen, ein Stück Holz auflesen oder abschneiden, und dann einen Löffel daraus schnitzen. Ja, das geht. Was dabei allerdings heraus kommt, würde ich nur in wenigen Fällen einen Löffel nennen. Okay, zum Umrühren der Outdoor-Suppe, oder wenn’s ums Überleben geht, ist das Resultat wohl zu gebrauchen, aber zuhause, im Kochtopf, in der Pfanne oder auf dem Esstisch, möchte man sowas Grobschlächtiges normalerweise nicht sehen.
Wer dagegen schön symmetrisch geformte Löffel schnitzen will, die man ggf. auch verschenken oder gar verkaufen könnte, wird schnell die Erfahrung machen, dass es gar nicht so leicht ist, eine in jeder Hinsicht ansprechende Löffelform aus dem dafür vorgesehenen Stück Holz herauszuholen. Einen schicken Löffel mal eben so aus Grünholz zu schnitzen, dessen Form auch noch dem Verlauf der Holzfasern folgt, das ist die eigentliche hohe Kunst des Löffelschnitzens, und damit nochmal eine besondere Herausforderung.
Der Weg dorthin gestaltet sich meiner Meinung nach wesentlich einfacher, wenn man erst mal nicht zum Schnitzen in den Wald geht, sondern sich einen vorhandenen Salat-, Koch- oder Servierlöffel aus der Küchenschublade nimmt und diesen dann einfach mal nachschnitzt. Aber nicht aus Grünholz, sondern erst mal aus einem trockenen Brettchen (z.B. aus Linden-, Weiden- oder Arvenholz). Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass man bereits eine ausgewogene, symmetrische Löffelform hat, die man auf das Brettchen legen und mit dem Bleistift umrunden kann. Natürlich müssen die Holzfasern dabei parallel zum Löffelstiel verlaufen, aber ansonsten hat der Faserverlauf bei dieser Art der Herstellung eines Löffels keinen Einfluss mehr auf dessen Form, denn die ist ja durch den Umriss und das Profil des vorhandenen Löffels bereits vorgegeben. Man kann sich dazu natürlich auch eine Schablone machen (ist sinnvoll, wenn man gleich mehrere Exemplare, oder irgendwann später noch einmal die selbe Form schnitzen möchte). Ein weiterer, für Anfänger unverzichtbarer Vorteil ist bei dieser Methode dadurch gegeben, dass man während des Schnitzens die Form des Werkstücks ständig mit dem Original vergleichen und sofort entsprechend korrigieren kann.
Das Top-Niveau des Löffelschnitzens lässt sich mit dieser Methode selbstverständlich noch nicht erreichen, aber man ist (ohne allzu großen Frust zu erleben) immerhin schon mal ein Stückchen weiter in dieser Richtung voran gekommen. Und das macht ja auch Freude.
Ganz nebenbei könnte man auf diese Art und Weise nicht nur schöne und nützliche Mitbringsel aus Holz anfertigen, sondern auch einen Beitrag zur Vermeidung von Umweltverschmutzungen (z.B. durch Mikroplastik, etc.) leisten, indem wieder mehr Holzlöffel und weniger Kunststofflöffel in unsere Küchen einkehren. Jedenfalls würde ich die Frage „Tupperware oder Holz?“ im vorliegenden Fall eindeutig mit „natürlich Holz“ beantworten.
Gruß
Bernd
p.s.: Anbei noch ein paar Fotos (damit man auch sieht, wovon ich hier schreibe). Viel Freude beim Nachmachen!
Foto 1: Servierlöffel nachgeschnitzt, mit Vorlage (Tupperware). Holzart: Weide
Foto 2: So sieht die Schablone aus (bestehend aus Draufsicht und Seitenprofil)
Foto 3: frisch geölt (mit Leinöl)
Foto 4: der umweltfreundliche Hinweis auf der Rückseite darf natürlich nicht fehlen. Er ist nicht geschnitzt, sondern gelasert (und sieht professionell aus).